MISERERE
IM FLUSS
Unser Debut-Programm “Miserere” setzt sich mit einer zentralen und allgegenwärtigen Problematik auseinander: dem menschengemachten Klimawandel. Das Konzertprogramm besteht aus zwei großen Werken, die fragmentarisch ineinander verwoben sind. Titelgebend ist dabei Louis-Nicolas Clérambaults Vertonung des Bußpsalms “Miserere Mei, Deus” (dt.: “Erbarme dich meiner, Gott”). Ergänzt wird diese Vertonung durch ein zeitgenössisches Werk der Bremer Komponistin Mara Hebel, die Clérambaults “Miserere” inhaltlich und musikalisch aufgreift.
Das Miserere (Psalm 51) von Clérambault ist ein geistliches Werk des französischen Hochbarock. Der 51. Psalm handelt von der Bitte an Gott um Vergebung der Sünden und um Reinwaschung derselben. Als einer der bekanntesten Psalmen ist er in der christlichen Tradition von hoher liturgischer Bedeutung und findet sich in verschiedenen Gebetstraditionen wieder. Nicht zufällig wurde dieser Psalm bereits vielfach vertont - eine der bekanntesten Vertonungen ist bis heute das “Miserere” von Gregorio Allegri, aber auch Bach, Schütz und Mozart haben diesen Psalm (teilweise in deutscher Übersetzung) vertont. Clérambaults Vertonung jedoch ist eher unbekannt - zu Unrecht. Die Komposition überzeugt durch lange Spannungsmomente und typische französische Kompositionstechnik dieser Zeit, die allem voran durch ihre Ornamentik hervorsticht, während der Generalbass nach wie vor eine tragende Rolle spielt.
Gepaart wird dieses Stück mit einer eigens für das Programm angefragten Neukomposition der Komponistin Mara Hebel (*1997). In ihrem Stück “Im Fluss” (2023) greift sie Clérambaults “Miserere” inhaltlich und musikalisch auf, es wird verwandelt und stark erweitert. Das barocke “Miserere” wird dabei in 6 Teile unterteilt, von Hebels Komposition durchbrochen und gerahmt, so das neue und alte Musik sich gegenseitig kommentiert, aufgreift und in Kontrast setzt . Ein zentrales Thema der Komposition ist der menschengemachte Klimawandel, der in der zeitgenössischen Lyrik von Anja Hebel (*1971) bildhaft zum Ausdruck kommt: rauschende Gletschermassen, glühende Fabrikmaschinen, die Gleichgültigkeit der Masse. Gewaltige Bilder, Klänge und Sprache drängen sich dem Publikum auf. Schrille, direkte und doch ganz unverhofft plötzlich weiche, zarte Zusammenklänge machen dieses Werk aus, das durch die Besetzung mit historischen Instrumenten an Klanglichkeit gewinnt.
Auf drastische Art und Weise prallen gegensätzliche Welten aufeinander und Metaebenen machen sich auf. Eine unendlich schöne, alte Welt, die das Leiden einer Einzelnen betrachtet, um Vergebung bittend, sich schmerzlich der eigenen Unvollkommenheit bewusst, und einer bildgewaltigen Dokumentation über ein gigantisches Versagen der Lebenserhaltung der Menschheit. Diese beiden Narrative betrachten sich vorsichtig und nehmen aufeinander Einfluss, aber einander begreifen grenzt an das Unmögliche. Die Einzelne ist zu klein, die Welt und das Sein der Menschheit zu groß.
Die Uraufführung dieses Programms fand am 02. Juni 2023 in Grimma zum 10-jährigen Andenken an das dortige Flutgeschehen 2013 statt.
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Von links nach rechts: Johannes Festerling (Theorbe), Ella Marshall Smith (Gesang), Nora Brandenburg (Truhenorgel), Thomas Fields (Viola da Gamba), Malwine Nicolaus (Gesang), Franziska Poensgen (Gesang), Mara Hebel (Komponistin), Anja Hebel (Texte)